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The Talking-Life-Project

Tausende Jahre rätselte man über das Geheimnis des Lebens.  Philosophen, Theologen und Wissenschafter entwarfen Anschauungen, Theorien, Experimente, um dieses Phänomen verstehen und erklären zu können.  Göttlicher Schöpfungswille für die Einen, geheimnisvoller Lebensimpuls für die Anderen. Aus materialistischer Weltsicht aber, findet sich Leben als funktionelle Kausalmechanik hochkomplexer Systemeigenschaften der rein materiellen Wirklichkeit..
 

Gegenwärtig versuchen sich die allgemeine Biologie (physikalistische Einheitssprache des naturwissenschaftlichen Methodenideals), die Systemtheorie (autopoietische Systeme, Informationstransfer), die Semiotik als allgemeine Zeichentheorie (Biosemiotik, Endosemiotik) an der wissenschaftstheoretischen Grundlegung moderner biologischer Teildisziplinen wie Molekularbiologie, Biochemie, Genetik, Neurobiologie, Psychoimmunologie u.a.
Alle diese naturwissenschaftlich orientierten Theorien entwarfen zum Teil sensationelle Erklärungsmodelle, leider ohne sich aber kritisch mit der Sprache auseinanderzusetzen, mit der sie selbst Wissenschaft betreiben und solche Modelle sprachlich entwickeln. 

Die unzureichende Begründung und Rechtfertigung der verwendeten Wissenschaftssprache - Sprechakte zwischen lebenden Menschen lassen sich naturwissenschaftlich nicht hinreichend analysieren - führte zu kaum oder nicht miteinander vereinbaren Modellen von "Sprache" und "Kommunikation". Die sprachkritische Auseinandersetzung mit Wissenschaftssprachen insgesamt hat - im Anschluß an Wittgenstein, Austin, Searle, Apel und Habermas - nämlich gezeigt, dass man die Grundprinzipien von Sprache und Kommunikation letztlich nur in einer zureichenden Analyse der Umgangssprachen sozialer Lebensgemeinschaften klären kann, weil dort Sprache ihren ursprünglichsten Sinn entfaltet: In der Handlungs-,bzw. Verhaltenskoordination. Sprechen ist eine Form sozialen Handelns und keine monologischer Prozess, der auf den Informationsaustausch zwischen isolierten Subjekten reduziert werden kann. Erst sprachlich und kommunikativ hergestellte Intersubjektivität ermöglicht Handlungskoordination innerhalb sozialer Gemeinschaften. Und die Geschichte dieser Handlungskoordinationen ist auch die Geschichte der Sozialgemeinschaften und der Rollen der beteiligten Individuen.

Jede Sprache besteht aus Zeichen, Zeichensequenzen und auch kommunikatives Handeln kann die Form von Zeichensequenzen annehmen. Diese Zeichen unterliegen 3 Ebenen ihrer Verwendung und deshalb 3 Ebenen von Regeln. Die Grammatik regelt die Beziehung der Zeichen zueinander, die Semantik regelt die Beziehung der Zeichen zum bezeichneten Subjekt/Objekt und die Pragmatik regelt die Beziehung zum Zeichenverwender bzw. der Situation, in der die Zeichen verwendet werden. Keine Ebene darf vernachlässigt werden, wenn Sprache untersucht und analysiert wird, sonst wird die Untersuchung unvollständig und fehlerhaft sein.

Bei einer genaueren Betrachtung des Geschehens in lebenden Zellen, z.B. bei der Ablesung der genetischen Codes der DNA (Strukturcode, Proteioncode, Steuerungscode) oder deren "Übersetzung" in die RNA bzw. in die dazugehörenden Eiweißstoffe zeigen sich Prozesse, die grammatischen, semantischen und pragmatischen Regeln unterliegen. Bei Prozessen zwischen lebenden Zellen sind sogenannte Botenstoffe beteiligt in sehr vielen Kommunikationsprozessen zwischen Zellverbänden, Organen oder ganzen Kommunikationsnetzwerken z.B. der Kommunikation zwischen dem zentralen Nervensystem, dem Hormonsystem und dem Immunsystem. Auf Grundlage dieser Kommunikation funktioniert das gesamte Gefühlsleben, das Denken, die bewussten und unbewussten Körperbewegungen. Sind solche Kommunikationsprozesse beeinträchtigt, sind körperliche und/oder geistige und gefühlsmäßige Zustände beeinträchtigt. Das kann soweit gehen, dass wir von Krankheiten sprechen.
Neben dieser Kommunikation in lebenden Individuen - die intraorganismische Kommunikation heißen kann -, gibt's noch die interorganismische Kommunikation zwischen artgleichen Individuen (z.B. Mensch-Mensch, Hund-Hund, Pflanze-Pflanze, Bakterium-Bakterium), und jene zwischen artfremden Individuen (z.B. Mensch-Bakterium, Pflanze -Tier, Pilze - Pflanzen), die man metaorganismische Kommunikation nennen kann.

So reden wir also über Leben als sprachlich und kommunikativ strukturiertes und organisiertes Leben, denn überall wo lebende Individuen-in-Populationen sich zueinander verhalten, ist Verhaltenskoordination durch die Übermittlung von Zeichen als Signale, Botschaften, Indices, Icons und Symbolen gebräuchlich. Die ganze Vielfalt belebter Natur und ihrer Evolution unter diesem Aspekt betrachten, erforschen, entdecken und letztlich verstehen, das ist das Projekt: talking life

Literatur: 
Natur der Sprache - Sprache der Natur. Sprachpragmatische Philosophie der Biologie (Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 1993)
Life: The Communicative Structure. A new philosophy of biology (Libri Books on Demand, Norderstedt, 2000)

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